Die Wiedergeburt des Ornamentalen
Zur abstrakt-ornamentalen Malerei von Susanne Hauenstein
Von Dr. Hajo Düchting

Ornament heute – was kann das für uns – als Künstler - als Betrachter bedeuten? Der Ursprung des Ornaments liegt weniger im islamischen Bilderverbot – dort fand es einen ideologischen Nährboden - als in der archaischen Tendenz des Menschen zu Schmuck, zu Ausschmückung, zu Verschönerung seines natürlichen Ambientes. Das beginnt bereits in der steinzeitlichen Höhlenmalerei, wo die Wände der Höhlen dicht an dicht mit Symbolen und Zeichen – meist zu Zwecken des Jagdzaubers – ausgemalt worden sind. Einige Wände sind dabei mit Handabdrücken versehen worden, die ein beschwörendes all-over-Muster an die Wand werfen, wie es viel später der Abstrakte Expressionismus (Pollock) auf Leinwand nachvollzogen hat. In den frühen Hochkulturen des mesopotamischen und des ägyptischen Raums erreicht das Ornament seinen ersten Höhepunkt. Es verknüpfen und durchdringen sich abstrakte und gegenständliche Zeichen zu einer komplexen Zeichensprache, die dem damaligen Menschen die Herrschaft des Numinosen, aber auch die eigene Kulturleistung verständlich machen sollte. Viel später übernahm der islamische Bereich ornamentale Gestaltungsweisen, um seinerseits einem im menschlichen Unbewußten tief verwurzelten Schmuckbedürfnis Ausdruck zu verleihen. Ist das Ornament in der Kultur des Nahen Ostens bis heute wesentlicher Bestandteil der künstlerischen Ausdruckskraft, so wurde es in der westlichen, aber auch russisch-orthodoxen Kultur durch die Einführung des Christentums verdrängt, um abbildenden Ausdrucksformen den Vorzug zu geben. Das Göttliche erhielt ein Gesicht!
Ornamentale Gestaltung hatte nur noch Platz in der Architektur, im Kunstgewerbe, in der Fenstergestaltung, im Teppichentwurf. Der Jugendstil versuchte zum letzten Mal das Ornament wieder in die Hochkultur einzubinden, bis puristische Strömungen (Wiener Moderne, Bauhaus) diese Versuche endgültig als unzeitgemäß, unmodern, untypisch in den Bereich des Kunstgewerbes zurückdrängten. Der Siegeszug der abstrakten Kunst nach 1945 schien das Schicksal des Ornaments als Teilbereich des Kitsches endgültig besiegelt zu haben, auch wenn einige wenige Künstler an ornamentalen Schmuckformen in ihren Bildern festhielten (z.B. Wiener Schule, Ernst Fuchs).
In den Bildern von Susanne Hauenstein feiert die ornamentale Gestaltung seine Auferstehung, weniger im Sinne einer dekorativen Ordnung des Bildfeldes als in wild wuchernden, grell-bunten sich überkreuzenden, durchdringenden Reihenmustern, deren Vielfalt und Erfindungsgeist verblüffen. Für die Künstlerin, die das ganze Gebiet der Ornamentik im
Blick hat, ist es nicht mehr möglich, eine einfache rhythmische Ordnung durch das Ornament herzustellen, da wir heute von einem a-perspektivischen Weltbild (nach Jean Gebser) ausgehen müssen. Das heutige Leben ist zu widersprüchlich, zu komplex, zu divergent und vielfältig geworden, um in einfachen Rhythmen widergespiegelt werden zu können. In ihren neuen Bildern (z.B. she and he, 2009-10) durchdringen sich verschiedenste ornamentale Muster zu einem unentwirrbaren Ganzen, in dem auch gegenständliche Formen Gestalt annehmen, um sich aber gleich wieder – im nächsten Augen-Blick - im Ganzen des ornamentalen Bildfelds aufzulösen bzw. einzugliedern. So möchte die Malerin die ganze Fülle des Lebens in einem „ewigen Tanz pulsierender Kräfte, die sich anziehen und abstossen, die miteinander schwingen, sich zu größeren Gebilden/Gemeinschaften verbinden“ darstellen.
„Nirgends ist Nichts. Immer und überall ist irgendetwas. Alle schwingt. Alles fließt. Alles tanzt den verrückten, rätselhaften Lebenstanz. Miteinander, gegeneinander. Am Ende immer für einander.“ (Hauenstein)
Wer das für die fantasievolle Ausgeburt einer esoterisch veranlagten Elfenbeintürmlerin hält, liegt falsch! Denn auch die Naturwissenschaften haben längst die Verknüpfung immer kleinerer Teilchen (sog. Gottesteilchen) zu einem sich gegenseitig tragenden, immerwährenden Tanz der Teilchen, einer allem Sein zugrundeliegenden Matrix,  entdeckt und erforscht.
Der Mensch ist Teil einer übergreifenden kosmischen Ordnung, deren Rhythmen das Weltall bis in die entlegenste Stelle durchdringen.
So müssen wir heute Ornament als Ausdruck einer Suche nach diesen kosmischen Rhythmen begreifen! Und Susanne Hauenstein ist an der Spitze einer neuen Kunstform, die diese zunächst emotional erspürte, aber auch mental begriffene Gewissheit einer alles durchdringenden numinosen Kraft künstlerisch ausdrücken möchte.
Ornament ist nicht Chaos sondern Kosmos, zumindest in den Bildern von Susanne Hauenstein!

Dr. Hajo Düchting, Diessen im November 2015  

Danke, Hajo!
Hajo Düchting (1949 - 2017) war ein deutscher Kunsthistoriker, Autor, Maler, Museumspädagoge und Kunstdozent